"Unfrisierte
Gedanken"
Stanislaw Lec hat
über unmenschliche Richter, die unzählige Menschen
"entrechtet,
mißachtet, gequält, ihrer Freiheit beraubt und zu Tode gebracht"
haben, viele "Unfrisierte Gedanken" verfaßt, z.B.:
- "Sogar
ein Glasauge sieht seine eigene Blindheit." (10)
- "Wie übt
man das Gedächtnis, um vergessen zu lernen?" (12)
- "Wer kein Gewissen
hat, muß es mit dem Mangel desselben kompensieren." (28)
- "Vor der Wirklichkeit
kann man seine Augen verschließen, aber nicht vor der Erinnerung."
(32)
- "Wir haben es
verlernt, Grabmäler von Denkmälern zu unterscheiden." (35)
- "Der Leichnam
wurde seinem Mörder gegenübergestellt: aber er erkannte ihn nicht."
(41)
- "Die meisten Denkmäler
sind hohl." (73)
- "Die Unkenntnis
des Gesetzes befreit nicht von der Verantwortung. Aber die Kenntnis oft."
(75)
- "Je mehr wir uns
der Wahrheit nähern, desto mehr entfernen wir uns von der Wirklichkeit."
(76)
- "Um an die Quelle
zu
kommen, muß man gegen den Strom schwimmen." (82)
- "Niemals kann
die Welt jenen vergeben, die nichts verschuldet haben." (83)
- "In Wirklichkeit
sieht alles anderes aus, als es wirklich ist." (88)
- "Die Freiheit
der Sklaven mißt man an der Länge ihrer Kette." (89)
- "Henker treten
meist in Masken der Gerechtigkeit auf." (94)
- "Sie steinigten
ihn mit einem Denkmal." (95)
- "Ach, wäre
die höchste Staatswürde doch die menschliche!" (95)
- "Sein Gewissen
war rein. Er benutzte es nie." (105)
- "Freiheit, Gleichheit,
Brüderlichkeit! Aber wie gelangen wir zu den Tätigkeitswörtern?"
(106)
- "Geht der Gerechtigkeit
aus dem Weg. Sie ist blind!" (107)
- "Verteidigung
des Mörders: Wie kann ein Mensch für unmenschliche Taten bestraft
werden?" (109)
- "Es gab zwei Möglichkeiten:
entweder sich auf den Boden ihrer Grundsätze zu stellen, oder über
ihnen zu hängen." (112)
- "Selbst wenn der
Mund sich schließt, bleibt die Frage offen." (118)
- "Ich mag Philosophen
nicht, die das Haar auf fremden Köpfen spalten. Noch dazu mit einem
Beil." (122)
- "Der Humanismus
wird die Menschheit überdauern." (123)
- "Gäbe es
die Wirklichkeit nicht, könnte sie niemand feststellen." (133)
- "Er war ein vorzüglicher
Hüter des Rechts. Er behütete es so gut, daß niemand in
dessen Genuß kam." (128)
- "Aus der Problematik
des Rechts: Bis zu wievielen Toten darf man sich irren?" (135)
- "Selbst Tote schweigen
- bis die Zeit für sie zu reden anfängt." (136)
- "Wir zahlen mit
dem Leben oder mit dem Tod. Die Währung bleibt die gleiche." (149)
- "Rechtfertigung
der Kannibalen: Menschen sind Vieh." (149)
- "Das Opfer ist
stets am Verbrechen beteiligt. Sogar negativ." (182)
- "Schwer, sich
selbst die Wahrheit zu sagen, wenn man sie kennt." (182)
- "Seien wir diskret.
Fragen wir die Toten nicht danach, ob sie gelebt haben." (185)
- "Am leichtesten
entkommt man durch die Lücke im Gedächtnis." (194)
- "Autovertreter
verkaufen Autos. Versicherungsvertreter verkaufen Versicherungen. Und Volksvertreter?"
(196)
- "Hat ein Tier
Menschenaugen, fühlen wir uns unwohl. Stimmt's?" (198)
- "Es gab einen,
der ein halbes Leben an einem Gedanken saß und die andere Hälfte
für diesen Gedanken." (208)
- "Gewöhnen
kann man sich lediglich an den Tod der anderen." (210)
- "Schreckgespenst
der Zukunft: Denkmäler, die reden." (239)
- "Hätte ich
damals gewußt, was ich heute weiß, wüßte ich es
nicht heute." (241)
- "Ob sich ein Mensch
ohne Phantasie die Wirklichkeit vorstellen kann?" (262)
- "Für Menschenkinder,
die mit Lügen auferzogen wurden, ist die Wahrheit ein Krankheitserreger."
(262)
- "Willst du die
Lüge sehen, blicke der Wahrheit ins Auge." (266)
- "Einem Genie verzeiht
man vieles. Nach seiner Hinrichtung." (266)
- "Nicht alles,
was wirklich ist, ist wahr. Zum Beispiel die Lüge." (268)
- "Das Echo des
Schweigens ist unüberhörbar." (273)
- "Es gibt keine
ewigen Wahrheiten. Ewige Lügen schon." (277)
- "Vor dem Recht
sind alle gleich. Aber nicht vor den Rechtsprechern." (280)
- "Das meiste über
das Leben der Vorzeit erfahren wir von den Friedhöfen." (289)
- "Vielleicht wird
es später einmal Lebewesen geben, die auch nicht werden glauben wollen,
daß sie von Menschen abstammen?" (291)
- "Was man nicht
einfach sagen darf, darf man auch nicht einfach verschweigen." (315)
- "Erwarte nicht
von einem, der einen Knebel im Munde hat, daß er dir das sagt." (337)
- "Je reiner die
Schuld der Opfer, desto schmutziger die Hände der Henker." (347)
- "Tabus vermehren
sich erschreckend, obwohl sie unberührbar sind." (360)
Quelle:
Stanislaw Jerzy Lec: Sämtliche unfrisierte Gedanken. Aus dem Polnischen
übertragen von Karl Dedecius.
Carl
Hanser Verlag, München 1982, 1986, 1996. Die Seitenzahlen der zitierten
Aphorismen stehen in Klammern.
|